Zwei Multitalente „zum Anfassen“ leben und arbeiten im belgischen Hauset. Die unverwechselbare Handschrift in ihrer Kunst bringt ihnen internationale Anerkennung.

Antonio Máro ist fast 90. Die Zeichen des Alters sucht man bei ihm vergebens. Seine Bewegungen sind geschmeidig, sein Blick aufmerksam, sein Geist hellwach, seine Antworten prompt, sein Humor fein, seine Art ruhig, seine Geduld engelsgleich. Sogar die Frage, ob er noch künstlerisch aktiv sei, beantwortet er mit freundlicher Höflichkeit, in die sich gleichermaßen Erstaunen und Amüsement mischen. „Natürlich“! Was für eine Frage… Ohne Kunst zu schaffen kann dieser Mann nicht sein. Wer Máro sucht, findet ihn in einem pittoresk gelegenen Château in Hauset direkt neben der zart plätschernden Göhl. Hier lebt und arbeitet er seit 1978. Als seine Frau 2007 starb, zog sein Sohn Rafael Ramírez zu ihm, der ebenfalls Maler ist. „Eigentlich hatte ich mich in Madrid etabliert“, erklärt er. „Aber da stand plötzlich die Frage im Raum, was mit demgroßen Haus in Hauset passiert“, sagt Ramírez. Inzwischen haben Vater und Sohn daraus eine Art kulturelle Drehscheibe gemacht. Das Ramírez Máro Institut ist nunmehr weniger behagliches Wohnhaus, als vielmehr öffentliches Kulturzentrum, in dem einerseits gearbeitet wird und andererseits immer wieder Kunstausstellungen und Künstlertreffen sowie Musikkonzerte stattfinden. Aufgabe des Instituts ist zudem, Künstler auch in anderen Ausstellungsräumen und Museen zu präsentieren. Antonio Máro wurde 1928 als Apollo Ramírez in Catacaos, NordPeru geboren. Er war eines von 14 Kindern eines Apothekers und seiner Frau. Die Familie lebte in einem Steinhaus. Aus Stein war nur noch die Kathedrale und das Haus des Bürgermeisters. Alle anderen Häuser waren aus Stroh. Schon als Kind fingMáro an zumalen. „Ich habe gemalt wie verrückt. Das hat zu einem kleinen Krieg inmeinem Elternhaus geführt. Denn Künstler zu sein, bedeutete nichts Gutes. Künstler, das KUNST war ein Schimpfwort, das bedeutete, ein Taugenichts zu sein“, erinnert er sich. Natürlich konnte er zunächst also kein Künstler werden. „Ich hatte die Wahl entweder Mediziner zu werden, oder Rechtsanwalt oder im besten Falle Priester“. 1950 kam er nach Deutschland umMedizin zu studieren und sich als Facharzt für Gynäkologie ausbilden zu lassen. Er heiratete, bekamvier Söhne. Doch die Leidenschaft des Malens ließ ihn nicht los. „Nächtelang“ habe er gemalt, um sich dann mit neuer Energie am nächsten Tag seinen Patientinnen zuwidmen, so seine Schilderungen aus dieser Zeit. Für Máro war diese Kombination von Medizin und Malerei eine Kraft bringende Symbiose – bis zur folgenschweren Begegnung mit Willy Baumeister. In ihm fand er seinen Lehrmeister und Wegweiser für die Zukunft, die ab den 1970ern nur noch in der Kunst lag und die er seither in Großstädten auf der ganzen Welt ausstellte.

MIT VIER JAHREN INS ATELIER

Ähnlich wie sein Vater hat auch Rafael Ramírez seit frühester Kindheit gemalt. „Mit vier Jahren durfte ich zum Papa ins Atelier. Damals machte er noch Assemblagen – zum Beispiel mit Netzen und Hölzern, die in die Leinwand inkrustiert wurden. Ich durfte ihm dabei helfen, auch beim Mischen der Farben. Das war wahnsinnig spannend, vor allem, weil er mich ernst nahm“. Seit seinem 12. Lebensjahr arbeitete Rafael Ramírez kontinuierlich im väterlichen Atelier und wurde bald eine unersetzliche Hilfe für die öffentlichen Großprojekte von Antonio Máro – so war er beispielsweise wesentlich an der Arbeit an einem riesigen Ölbild auf Leinwand für die Stadthalle in Meinerzhagen beteiligt. Rafael Ramírez war damals 17 Jahre alt.

DIE GRÖSSTEN MUSEEN

Jahre später folgte die Ausmalung einer Kapelle bei Salzburg. Bald trieb es Ramírez in die grössten Museen der Welt, wo er die alten Meister studierte. Er lernte unter anderem bei Hannelore Köhler an der Akademie Düsseldorf und bei Hubert Schaffmeister und Hans Rolf Maria Koller in Köln sowie Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik an der RWTH Aachen. Mit seinemVater realisierte er seit dem Meinertzhagener Projekt viele Arbeiten für Biennalen und für wichtige Kunstmessen. „AlleMáros, die seitdem entstanden sind, sind gemeinsame Produktionen“, sagt Rafael Ramírez. „Das ist in der Kunstgeschichte auch nicht wirklich ungewöhnlich“. Ungewöhnlich sei vielmehr die Technik, die bei der Máro-Kunst angewandt werde und bei der konventionelle Farben und Metallfarben durch andere hindurchscheinen, –leuchten oder tönen. „Das ist etwas ganz Besonderes. Denn dadurch kann man mit Malerei ganz wunderbar Musik ausdrücken“, sagt Ramírez. Bis heute bilden Vater und Sohn ein unzertrennliches Team. „Wir riskieren in der Kunst gemeinsam sehr viel. Es macht uns Spaß, zu sehen, ob etwas funktioniert oder nicht. Das ist wie beim Jazz“, sagt der Sohn, der auch Geiger und Pianist ist, und sich bei allem gemeinsamen Schaffenmit demVater nicht als dessen „doppeltes Lottchen“ versteht. Seine eigenen Arbeiten, die er losgelöst vom Máro-Werk produziert, folgen einer ganz eigenen Richtung mit figurativen Elementen in barocker Formensprache.

Janou Müller-Beuermann
Originalveröffentlichung in: Magazin purRegio, Ausgabe Herbst 2016

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