Text: Dr Helmut Orpel

Rafael Ramírez ist nicht nur in biographischem Sinn ein Weltbürger, der in unterschiedlichen Ländern gleichermaßen eine Heimat gefunden hat, er ist es vor allem auf künstlerischem Gebiet. Virtuos wechselt er zwischen den unterschiedlichen Epochen der Kunstgeschichte. Er lässt in seinem Werk Rembrandt ebenso lebendig werden wie Tintoretto, Goya oder Leonardo da Vinci. Zwischen zeitlicher Nähe und einem jahrhundertelangen Abstand besteht für ihn kein Widerspruch. Ihm geht es um die künstlerischen Ausdrucksformen von Gefühlen, Gedanken oder Visionen, die in unterschiedlichen historischen Gewandungen daherkommen, aber stets auf den gleichen überzeitlichen Ursprung hindeuteten. [ mehr… ]

Heylshof, Worms, 30.6.2013

Dr. Helmut Orpel

Werk von Rafael Ramirez wird deutlich, wie vorsichtig bei der Kunstbetrachtung mit Wertungen umgegangen werden muss. Diese Vorsicht ist vor allem dann geboten, wenn es dabei um Prädikate wie „modern“ oder „traditionell“ geht.

Die Malerei von Rafael Ramirez ist beides in einem. Auf der einen Seite schöpfen seine Werke aus dem Bezug zur Malerei des spanischen goldenen Zeitalters, für die Namen wie Ribera, Zurbaran, El Greco oder Velazques stehen, auf der anderer Seite aber auch aus literarische Vorlagen, aus Texten, wie „Celestina“ oder „Don Quijote“ die unmittelbar nach ihrem Erscheinen zur Weltliteratur geworden sind. Ebenso aus Büchners „Woyzeck“ und aus Goethes „Faust“.
Die repräsentative Auswahl der Werke des Künstlers, die wir in unserer Ausstellung zeigen können, belegt, wie sehr der Künstler als Sohn eines peruanischen Vaters und einer deutschen Mutter im wahrsten Sinne des Wortes in zwei Hochkulturen zu Hause ist, denn mit der Literatur des spanischen „Siglo de Oro“ ist er offensichtlich ebenso vertraut wie mit Georg Büchner, dessen Geburtstag, das ist unbedingt im Wagner- und Hebbeljahr zu erwähnen, sich heuer ebenfalls zum 200. Mal jährt.
Rafael Ramirez breitet vor uns natürlich kein enzyklopädisches Wissen, im Sinne der Ratesendungen im Abendprogramm des Fernsehens, aus. Ihm geht es um weit mehr. Ihm geht es darum, in seiner Malerei Strukturen und Unterschiede deutlich werden zu lassen, die den verschiedenen Kulturen zu Grunde liegen und die heute, wo es im Bildungsbereich oft nur um rein funktionales Begreifen geht, allzu gern übergangen werden. Aber gerade diese Unterschiede sind es, die den eigentlichen kulturellen Reichtum ausmachen. Kultur wird offensichtlich nur im Plural lebendig.
Die Darstellungen, mit denen wir es hier zu tun haben, sind keine Illustrationen, die in den Fortlauf einer Handlung einzubetten sind. Sie sind vielmehr eigenständige Verdichtungen, die für sich selbst sprechen und die die Gefühlsebene auch dann ansprechen, wenn man die textliche Hinterlegung nicht kennt – kurz – die Werke sprechen für sich selbst.
Mit diesen Schlaglichtern ist die Thematik im Gesamtwerk des Künstlers umrissen. Es geht ihm um Ausdrucksformen, wie sie sich über die Zeiten hinweg in der Kunst – in der literarischen wie in der bildnerischen gleichermaßen, erhalten haben. Grundkonstanten, um dem existenziellen Fundament einen adäquaten Ausdruck zu verleihen, einen Ausdruck von überindividuellen und auch überzeitlichen Charakter.
Miquel de Cervantes und Fernando de Rojas, der Autor der „Celestina“ machen jene gewaltigen Momente sichtbar, wo der Vorhang der Normalität im wahrsten Sinne des Wortes zerreißt und mit einem Male der Sinn der Existenz offenbar wird, ebenso wie der Schein und Selbstbetrug auf der anderen Seite.
De Rojas, von Petrarca beeinflusst, entwickelt eine pessimistische Sicht auf das Treiben der Menschen, die aus Macht- oder Gewinninteresse heraus regeln und fügen wollen. Ihnen hält er mit seinem ausdrucksstarken Stück einen Spiegel vor, der zeigt, dass dies alles nur ins Unglück führen wird.
Die Figuren und ihr Agieren, das sind die sinnlichen Formen, an denen sich solche Einsichten offenbaren. Der Maler macht sie uns in einem andern Medium vorstellbar und trägt dabei natürlich seine Interpretation an die Stoffe heran.
Rafael Ramirez geht es bei seiner Malerei nicht um die Kostüme, um die historischen Formen, die die Zeit geprägt hat. Ihm geht es um die überindividuelle Seite und ebenso um das, was jenseits des Historischen als die Grundbedingungen des Menschseins gesehen werden kann.
Um uns dies hier in aller Radikalität vorzuführen, setzt er alles ein, was ihm Entwicklungsgeschichte der Malerei an Möglichkeiten zur Verfügung stellt und erreicht hierdurch einen Ausdruck, wie er den Zeitgenossen jener berühmten Dichter näher kommt als die bloße Nachahmung des Malstils der großen Vorbilder, an denen Ramirez seine Kunst studiert hat und immer wieder weiterentwickelt.
Um Rafael Ramirez in diesem Punkt folgen zu können, sollten wir uns einmal kurz vor Augen führen, worin der eigentliche Unterschied zwischen der Malerei unserer Zeit und der Zeit des Barock, des spanischen „Siglo de Oro“, besteht Ein solcher Vergleich bietet sich hier im Heylshof mit seinen wunderbaren Exponaten von Rubens, Gerrit van Houndhorst, Jan Molenar und natürlich Alonso Cano, der sogar höchst persönlich in diese Epoche gehört, an:
Im Unterschied zu jenen komplexen, in sich geschlossenen Kompositionen des Barockzeitalters ist die Kunst der Moderne von fragmentarischem Charakter.
“Infinito”, “Assemblage” und sogar die bewusste Zerstörung der in sich geschlossenen Malfläche lösen das Tafelbild, das seit der Renaissance der klassische Bildtypus war, regelrecht auf. Ramirez führt diesen Auflösungsprozess des in sich geschlossenen, vom Realraum kompositorisch strikt getrennten Bildraums sogar noch weiter, indem er die Leinwand aufreißt und über die Formatgrenze in fetzenförmigen Flügeln oder Lappen auslaufen lässt. Auf diese Weise entsteht eine ganz einzigartige Verbindung zwischen dem Bildraum und dem Realraum, in dem die Bilder hängen. Indem der Betrachter die Ausstellungsräume betritt, wird dadurch selbst zum Teil der Komposition und definiert von seinem Standpunkt aus die Wirkung des Bildes.
Durch den sedimentartigen Aufbau des Farbraums entstehen geheimnisvolle Lichtsituationen und tiefe Räume, welche die suggestive Wirkung der Darstellung steigern. Wie Farbe und Form sich durchdringen, durchdringen sich auch die abstrakten und die emotionalen Partien. Sie gehen nahtlos ineinander über.
Die abstrakte Malerei, die sich vor allem in den oszillierenden Farbfeldern ausdrückt, verkörpert die Idee, die der Komposition zugrunde liegt. Die emotionale Ebene hingegen, die in der Zeichnung, also in der Form zum Ausdruck kommt, erwächst organisch daraus hervor und macht die Idee sichtbar.
Auf diese Art und Weise erhält die Idee, die dem Bild zugrunde liegt, ihre physische Gestalt. Die Wirklichkeit wird fassbar, weil ich sie durch die Ausdruckskraft der Farbe und deren unendliche Nuancen nach meinem Willen im Bild verdichten kann.”
Diesem äußerst unkonventionellen kompositorischen Aufbau der Bilder entspricht der Zugang zum Stoff, den uns Ramirez anbietet. Er zäumt hier, um im Bild zu bleiben, das Pferd aus einer ungewohnten Richtung auf und bietet einen Zugang, der von den gängigen Klischees abweicht.
Ramirez erarbeite sich die Stoffe, indem er bei den Texten versucht, sich die Personen vorzustellen, den Faust oder die Celestina. Dabei entwickelten sich parallel auch die Vorstellungen von Farben, die zum Charakter dieser Personen passen und zum Inhalt der Handlung.
Widersprüche zwischen diesen unterschiedlichen Ebenen sind dabei nicht nur gewollt, sondern werden sogar bewusst herbeigeführt. So wirkt das Grundtempre in seinen Bildern wie die Musik beim Film, die Handlungsebenen mit dramatischen Gefühlen auflädt und auf diese Weise synästhetisch vorwegnimmt, was im nächsten Moment passiert.
Besonders sichtbar wird dies bei der Darstellung des Liebeszaubers, den Celestina durchführt, um Melibea dem Werben Calistos zugänglich zu machen. Dieses Geschäft wird mit einer Goldkette belohnt, die im Bild von Ramirez wie der Dolch in Polanskis „McBeth“ Verfilmung über der Szene schwebt und symbolisch die geheimnisvollen Handlungsfäden antizipiert, in die sich die Akteure des Dramas verstricken werden, bis sie das unvermeidliche Schicksal ereilt.
Ramírez´ Malerei lebt von tiefen Empfindungen und deren künstlerischer Darstellung. In seinen Werken offenbart sich das Staunen über die grenzenlosen Möglichkeiten der Kunst, Zeiten und Räume zu überwinden und in Tiefen vorzudringen, die dem oberflächlichen Blick verborgen bleiben.
Seine Bilder sind eine Art Bühne, auf der sich das Drama des Lebens abspielt. Historische Stoffe fesseln ihn, aber trotz der Szenen aus dem spanischen Bürgerkrieg oder der Darstellung der Verbrechen der Nationalsozialisten, die in anderen Zyklen von ihm erscheinen, versteht er sich nicht als Historienmaler oder Moralist. Er ist vielmehr wie jener Dante der göttlichen Komödie, der offenen Auges sieht, was da vorgeht.
Die unterschiedlichen figurativen Ausformungen sind für ihn Wege der Darstellung, einer tiefen, inneren Betroffenheit. Ramirez sieht seine Malerei in der Tradition des magisch symbolischen Tafelbildes, das tiefe Schichten des Unterbewusstseins erreicht. Wie die großen Werke seiner spanischen Vorbilder ist auch sein Stil eher naturalistisch als realistisch, denn er sucht nach den Grundkräften in der Natur, die immer in Bewegung sind und eben auch im visionären, im irrationalen und in den Träumen erscheinen. Woyzeck, der in der Erde Stimmen hört und dahinter das Treiben der Freimaurer vermutet, ist dabei heranzuziehen.
In einem Interview sagte Ramirez einmal: „Indem ich mich als Künstler mit der Kunst vergangener Epochen auseinandersetze, reflektiere ich jene Entwicklungen und versuche auf meine Art und Weise, zu einer Synthese zwischen meiner Zeit und den vorausgegangenen Epochen zu gelangen. Ähnliches geschieht übrigens auch auf literarischem Gebiet, wenn ich mich mit Büchners “Woyzeck” oder mit dem “Don Quijote” auseinandersetze. Als Künstler bewege ich mich permanent zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit.”