Text: Dr Helmut Orpel
Rafael Ramírez ist nicht nur in biographischem Sinn ein Weltbürger, der in unterschiedlichen Ländern gleichermaßen eine Heimat gefunden hat, er ist es vor allem auf künstlerischem Gebiet. Virtuos wechselt er zwischen den unterschiedlichen Epochen der Kunstgeschichte. Er lässt in seinem Werk Rembrandt ebenso lebendig werden wie Tintoretto, Goya oder Leonardo da Vinci. Zwischen zeitlicher Nähe und einem jahrhundertelangen Abstand besteht für ihn kein Widerspruch. Ihm geht es um die künstlerischen Ausdrucksformen von Gefühlen, Gedanken oder Visionen, die in unterschiedlichen historischen Gewandungen daherkommen, aber stets auf den gleichen überzeitlichen Ursprung hindeuteten.
Jene epochalen Bezüge, die für den Betrachter von Ramírez´ Werken nachvollziehbar sind, sind durch die Möglichkeiten und Sehgewohnheiten unserer Zeit gespiegelt. Die Kunst des 20. Jahrhunderts trägt einen fragmentarischen Charakter und verfügt nicht mehr über den geschlossenen Horizont wie die Werke vergangener Epochen. Es ist möglich, unterschiedliche Epochen mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten nebeneinander zu stellen und mit den Mitteln der Moderne wie “Infinito” und “Assemblage” zu einer Synthese zu führen. Im Vordergrund steht dabei das Gefühl, das künstlerische Werke bei dem Betrachter auslösen.
Ramírez´ Malerei lebt von tiefen Empfindungen und deren künstlerischer Darstel-lung. In seinen Werken offenbart sich das Staunen über die grenzenlosen Möglichkeiten der Kunst, Zeiten und Räume zu überwinden und in Tiefen vorzudringen, die dem oberflächlichen Blick verborgen bleiben. Die Ergriffenheit von der suggestiven Kraft der Farbe und der Form teilt sich dem Betrachter mit. Um die Möglichkeit des Nach-empfindens, des in sich Aufnehmens von Gefühlen über Räume und Zeiten hinweg, geht es. Der Maler lenkt den Blick auf das Detail, auf unscheinbare Gesten, die in einem Drama ebenso zum Ausdruck kommen wie in einer musikalischen Komposition oder im Tanzschritt einer Flamencotänzerin, den der Künstler mit kennerhaftem Blick einfängt. Er inszeniert Schlüsselszenen, die den Sinn des Daseins offenzulegen scheinen.
Ramírez fokussiert solche Szenen und schafft durch deren künstlerische Ausgestaltung neue Zugänge zur Wirklichkeit. Dabei geht es ihm sowohl um das Individuum als auch um den Geist der Epoche. Beides steht in seinem Denken über den Menschen in einem engen Zusammenhang. Der Mensch ist nicht isoliert, keine Insel in seiner Zeit. Entsprechend dieser Vorstellung steht die Figur in seinem Bild nie für sich allein. Sie ist vielmehr der symbolhafte Ausdruck ihrer Zeit.
Wie Farbe, Linie, Raum und Leere in den Kompositionen in einer Art dynamischer Wechselbeziehung stehen, steht auch der Mensch, der Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens von Rafael Ramírez, in einem epochalen Kontext. Seine Bilder sind eine Art Bühne, auf der sich das Drama des Lebens entwickelt. Historische Stoffe fesseln ihn, aber dennoch: Obwohl der Künstler in seinen Bildern häufig solche Themen, wie zum Beispiel Szenen aus dem spanischen Bürgerkrieg (1936-39) oder die Verbrechen der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung, zum Ausdruck bringt, versteht er sich nicht als Historienmaler. Die unterschiedlichen figurativen Ausformungen sind für ihn Wege, die zu einem anderen Ziel führen sollen als zu einer theatralischen Darstellung. Es geht ihm um die Betroffenheit. Bilder sind für Rafael Ramírez somit keine Abbilder im mimetischen Sinne. Er sieht seine Malerei vielmehr in der Tradition des magisch spirituellen Tafelbildes, das tiefe Schichten des Unterbewusstseins erreicht.

Der künstlerische Blick zurück

“Wenn wir von Geschichte reden und zwar von der Kunstgeschichte ebenso wie von der der Gesellschaft”, erklärte Ramírez in einem Gespräch, “schauen wir von unserer Perspektive aus gesehen, der des 21. Jahrhunderts, auf Schichtungen und Überlagerungen, auf Bruchstellen und auf Neuanfänge, ebenso auf Katastrophen und Zusammenbrüche. Das alles hat sich wie die Sedimente in der Erdgeschichte abgelagert. In jenem archeologischen Feld liegt aber der Sinn unseres Daseins verborgen, weil er uns erlaubt, Schlüsse zu ziehen. Deswegen haben auch große Komponisten, wie Johann Sebastian Bach zum Beispiel, auf vorhergehende musikalische Epochen zurückgegriffen und diese Fragmente im anderen Zusammenhang, durch ihre Kompositionen neu belebt. Für mich ist die Felsgrottenmadonna Leonardos zu einem ebensolchen Symbol geworden, das dem Kunstschaffen weit über die Entstehungszeit hinaus einen Sinn verleiht.
Diesen Denkprozess versuche ich in meinen Bildern auf malende Art zu vollziehen. Die Malerei ist für mich immer noch eine Kunst, die – ähnlich wie die Musik – tiefste Schichten der menschlichen Seele erreicht. Indem ich mich als Künstler mit der Kunst vergangener Epochen auseinandersetze, reflektiere ich jene Entwicklungen und versuche auf meine Art und Weise, zu einer Synthese zwischen meiner Zeit und den vorausgegangenen Epochen zu gelangen. Ähnliches geschieht übrigens auch auf literarischem Gebiet, wenn ich mich mit Büchners “Woyzeck” oder mit dem “Don Quijote”, der ja auch ein Thema meiner Bilder ist, auseinandersetze. Als Künstler bewege ich mich permanent zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit.”
Dieses Überwinden der Gegenwart drückt sich in den Bildern von Rafael Ramírez auf ganz unterschiedliche Art und Weise aus. So wechseln zum Beispiel in den Kompositionen des Künstlers die Ebenen. Durch den sedimentartigen Aufbau des Farbe entstehen geheimnisvolle Lichtsituationen und tiefe Räume, welche die suggestive Wirkung der Darstellung steigern. Wie Farbe und Form sich durchdringen, durchdringen sich auch die abstrakten und die emotionalen Partien. Sie gehen nahtlos ineinander über.
“Die abstrakte Malerei”, so der Künstler, “ist für mich die Idee, die der Komposition zugrunde liegt. Die emotionale Ebene hingegen, die ich im Kolorit und in der Form zum Ausdruck bringe, macht diese Idee sichtbar. Diese sinnliche Fassbarkeit kann aber auch im Widerspruch zu dieser Idee stehen. Diese Widersprüche werden durch die Farbe evoziert, die wie die Musik beim Film Handlungsebenen auf ihre Art und Weise unterlegt oder mit dramatischen Gefühlen aufladen kann. Auf diese Art und Weise erhält die Idee, die dem Bild zugrunde liegt, ihre physische Gestalt. Die Wirklichkeit wird fassbar, weil ich sie durch die Ausdruckskraft der Farbe und deren unendliche Nuancen nach meinem Willen im Bild verdichten kann.”

Die Subjektivität des Zugangs

Ramírez spricht hier nicht nur über die Malweise, sondern auch über seine Ein-stellung zu dem äußerst komplexen Zusammenhang zwischen Kunst und Wirklichkeit in der realistischen bzw. naturalistischen Malerei, der Ramírez durch sein Schaffen zuzurechnen ist. Geschichte kann nicht nacherzählt werden, jede Generation und jeder Mensch hat seinen eigenen Zugang zu den unendlich komplexen Fakten, die in einem historischen Ereignis verdichtet sind. Insofern ist jede künstlerische Interpretation der Historie in sich brüchig und unvollständig und hängt von der Einstellung des Malers ab. Gerade dies wird von Ramírez in seinen Bildern nicht verschleiert, sondern offengelegt und in seine Komposition einbezogen. Der Künstler empfindet hierin keinen Mangel, sondern gerade den wesentlichen Gehalt seiner Darstellung. Es geht ihm nicht um die scheinbar objektive Nacherzählung eines historischen Sachverhalts, die keine Stellungnahme zulässt, sondern gerade umgekehrt, um den symbolischen Gehalt der Geschichte für unsere Zeit und für unser ganz persönliches Denken. Ramírez verweist uns auf die Horizontverschmelzung, die wir vollziehen, wenn wir uns bedeutenden künstlerischen Werken nähern. Wie er seinen Zugang zur Kunstgeschichte offenlegt, sein subjektives Verarbeiten, sollten auch wir uns darüber bewusst sein, dass wir unsere eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen an seine Werke herantragen. Dies wird durch die offene, prozesshafte Malweise deutlich, das skizzenhafte “Infinito”, welches die Komposition für solche individuellen Zugänge offen hält.
Zur Zeit arbeitet Rafael Ramírez an einem Zyklus über ein europäisches Adel-sgeschlecht, dessen Stammsitz in Kärnten liegt, nämlich über das Haus Khevenhüller. Burgherr Graf Karl Khevenhüller-Metsch wird am 7. Juli seine Stammburg “Hochosterwitz” als Kulturzentrum mit einer Ausstellung von Rafael Ramírez einführen. Bei jenem Zyklus des Künstlers ist die Geschichte jenes Adelsgeschlechts, das 1396 zum erstenmal urkundlich erwähnt wurde, der Zugang. Aber dieser Zugang ist freilich auch hier weit mehr als nur die historische Dokumentation, denn schließlich handelt es sich hier um ein Stück europäischer Kulturgeschichte.
Ramírez bezieht sich künstlerisch auf Reiterportraits eines Vorfahren der Khevenhüller namens Hans V. Khevenhüller, der im Auftrag der Kaiser Maximilian II und Rudolf II, 34 Jahre am Spanischen Hof von Philipp II und Philipp III als kaiserlicher Botschafter gedient hat. Seine Vorliebe für die Kunst hat ihn dazu bewogen, sich unter Anderem von bekannten Renaissancemalern wie Tintoretto und Pantoja de la Cruz malen zu lassen. Jener einflussreiche Diplomat, der mit seiner diplomatischen Tätigkeit die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit in Mitteleuropa maßgeblich geprägt hat, hat sich auch im Handel und in der Projektentwicklung sehr erfolgreich bewährt. So hat er unter Anderem im Auftrag Rudolf II das nahe Triest liegende Gestüt Lipizza mit Karthäuserpferden aus Spanien versorgt und somit den Anfang der heute, durch die Spanische Hofreitschule in aller Welt weltbekannte, erfolgreichen Lipizzanerzucht beeinflusst. Außer diesem Zyklus wird Ramírez auf dem Schloss einen Don Quijote- Zyklus ausstellen, da in der Bibliothek von Hoschosterwitz eine 1780 datierte wertvolle Zweitauflage jenes epochalen Werkes aufbewahrt wird, und die Epoche von Hans V. Khevenhüller und die des großen Dichters Cervantes und seines Dramas „Don Quijote“ zeitlich genau übereinstimmen.
Gegen Ende des Jahres wird Ramírez seinen Holocaust-Zyklus in Aachen zeigen. Bei dieser Ausstellung werden Elie Wiesel und Max Hamburger zugegen sein. Diese beiden Männer haben die Schrecken des KZ Auschwitz überlebt. Ramírez hat ihnen jeweils ein Bild in jenem eindrucksvollen Zyklus gewidmet.