Brief von Brigitte Hamburger Mildner  (Witwe von Dr.Max Hamburger) an Rafael Ramírez

Reaktion auf die Vernissage der Max Hamburger gewidmeten Ausstellung: “Holocaust” in Alsdorf 2012

Lieber Rafael,
Es war so inspirirend!
Es hat mir ein sehr gutes Gefühl gegeben diese Ausstellung mit dir zu machen. Und auch nachher denke ich mit viel Wärme daran zurück.
Ganz bestimmt war Max bei uns, dass habe ich auch stark gefühlt und Ich weiß auch dass er ganz froh mit uns gewesen ist.
Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr sehe ich wie gut Du und Deine Gemälde und Max und seine Ideen, zusammen passen und sich gegenseitig verstärken.
Und das rührt mich sehr…
……
Auch herzliche Grüsse von Ruben (Sohn von Max und Brigitte Hamburger), er war heute hier und ich habe ihm über gestern erzählt. Er war sehr beeindruckt.
……..
Alles Liebe, Brigitte


Über Dr. Max Hamburger

Text von: Brigitte Mildner Hamburger

Ende 1943 wurde eine Wiederstandsgruppe und damit auch Max Hamburger in Amsterdam verraten und verhaftet. Anfang Februar 44, gelangte er nach Auschwitz, wo er gerade an seinem 24sten Geburtstag eintraf. Die Überlebenszeit war damals durchschnittlich drei Monate. Über diese Erfahrung schrieb Max folgendes. “ Die Erniederung und Entmenschlichung waren absolut. Alles wurde uns weggenommen, bis auf eine Brille und einen Gürtel. Innerhalb weniger Stunden waren wir kahl geschorere, in Lumpen gehüllte, zu einer Nummer reduzierte Gefangene geworden, die von da an in einem Zustand völliger Verlassenheit und Aussichtslosigkeit und totaler Dürftigkeit dahinvegetierten”.Anfang Mai 1944 wurde Max mit einer Gruppe von Ungarn abtransportiert und traf nach einem unvorstellbaren Todesmarsch über allerlei Umwege, völlig erschöpft im Winter in das Konzentrations-Lager Buchenwald ein. Max erzählte: “Ich wusste, wenn ich jetzt einschlafen würde, würde ich nie wieder aufwachen, aber ich musste überleben, um zu berichten, was wir erleben und erleiden müssen”. Es war in jenen Stunden im April 1945, als die Amerikaner das Konzentrationslager Buchenwald befreiten und als jenes berühmte Foto im Block 5 enstanden ist. Der damals 25-jährige Max liegt mit einem Körpergewicht von weniger als 28 Kilo auf der unteren Britsche, auf dem Rücken, das Gesicht so mager, die Augen so riesig, so leer…

Max überlebt die Hölle. An seine Heilung glaubt niemand. Viele Häftlinge überleben die Befreiung nur wenige Tage. Fünf lange Jahre benötigt er medizinische Betreuung. Aber 1953 bekam er sein Arzt – Diplom, absolvierte dann seine Fachausbildung in Psychiatrie und behandelte 20 Jahre lang haupsachlich Kriegsopfer, Überlebende des Holocaust und deren Kinder.
Anfang der 80er Jahre kehrt Max erstmals nach Deutschland zurück. Er kam zurück in das Land, wo er einmal zum Tode verurteilt wurde und dessen Sprache ihm grösste Schwierigkeiten bereitete. Aber Kontakte, darunter deutsche Akademien für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, gaben ihm Kraft neue Freundschaften zu schliessen und die durch den Krieg und Nazizeit entstandene Kluft zu überbrücken. Er wurde danach nie müde sogar in Schulen von seinen Erfahrungen des Holocausts zu berrichten.
Mit Rafael Ramírez hatte Max eine richtige Freundschaft aufgebaut und auch für seine Kunst hatte er grossen Respekt. Während einer Portraitsitzung fragte Rafael Max, ob man denn den Holocaust überhaupt künstlerisch thematisieren dürfe, worauf Max antwortete: Ja, so wie Du es machst, ist es gut. Du und ich, wir sind Bundesgenossen.
Diesen Sommer ist Max gestorben.
Er fehlt uns allen sehr, weil er trotz allem, was er erlebt hatte, seine sehr herzliche, warme und gemütvolle Persönlichkeit bewahrt hatte und er unablässig Optimismus und Positivismus ausstrahlte. Bis zum Ende hat er seine scharfe und einfühlsame Geisteskraft bewahrt. Noch wenige Tage vor seinem Tod hat er uns, seine Familie gebeten, seine Botschaft weiter zu geben, wenn er nicht mehr da sein würde.
Er schrieb einmal: “Es ist unsere Aufgabe an der, lassen Sie mich es “messianischen Zeit” nennen, zu arbeiten, jeder auf seine Weise. Unsere Aufgabe ist es daran zu arbeiten, dass in unsere Welt mehr Gerechtigkeit und Humanität gelangt. Wir müssen jede Art von Machtmissbrauch, Diskriminerung und Unmenschlichkeit immer wieder bekämpfen – und damit nie aufhören. Der Tod hat nicht das letzte Wort, wohl aber das Leben – das menschliche Leben!”
ausstrahlte
Brigitte Mildner-Hamburger
(Witwe von Max Hamburger)

Über Rafael Ramírez

Text von: Dr. Max Hamburger

Die jüngere Generation trägt keine Verantwortung für die verbrecherische
Vergangenheit des Holocausts, aber sie trägt eine grosse Verantwortung für ihren Umgang mit dieser. Es hat mich daher sehr gefreut zu erleben, wie der junge Künstler Rafael Ramírez sich mit grösstem Respekt dem Holocaust und seinen Opfern gegenüber mit hingebungsvoller Sorgfalt und tiefstem Einfühlungsvermögen in seiner Arbeit genähert hat. In den vielen Gesprächen, die wir über meine Erfahrungen in Auschwitz und Buchenwald hatten, beeindruckte ihn vor allem meine Aussage, dass ich Gott in Auschwitz fand. Gott war wirklich bei uns, den Verdammten, Geschmähten, Erniedrigten, den zum Tode Verurteilten, dort, wo wir trotz aller Schrecken, Ängste noch imstande waren auch für den anderen Mitgefangenen da zu sein und zu sorgen. Wer Gott nicht im Anderen fühlen kann, kann ihn nirgends finden. Diese tiefe Menschlichkeit, die die Opfer des Holocausts jener von Menschen geschaffenen Hölle entgegenstellten, diese Menschlichkeit, blieb mir als eine der eindringlichsten Erfahrungen in Erinnerung und erkenne darin eine wesentliche Verbundenheit Gottes mit unserem Volk.

Diese wichtige Erkenntnis, dass nämlich die Präsenz Gottes, oder wie es Rafael Ramírez mir gegenüber ausgedrückt hat, “der göttliche Funke” im Menschen, sogar in der Hölle von Auswitz zum Guten, Altruistischem inspirieren und diese wirkende Präsenz Gottes in sich selbst, aber auch in den anderen Opfern des Holocausts gespürt werden konnte, wurde so zum Thema des Malers und Freundes Rafael Ramírez in seinem mir gewidmetem Holocaustzyklus. Auf diese Weise ist Rafael Ramírez zu meinem Bundesgenossen geworden, der meine Erfahrung den kommenden Generationen in seinen Bildern auf seine künstlerische Weise weitergibt, um mit dieser Erkenntnis die schwere Bürde der Verantwortung des Nichtvergessens tragen zu helfen und sie mit dieser Erkenntnis zum Positiven zu inspirieren. Der Tod hat nicht das letzte Wort, das hat mich Auschwitz gelehrt. Es ist wichtig, dass die Nachwelt dieses Legat niemals vergisst. Es ist wichtig, dass den unzähligen Opfern immer wieder gedacht wird, in ihnen allen lebte dieser “göttliche Funke”, so wie es Rafael Ramírez künstlerisch in seinen Bildern formulierte. Ich freue mich sehr über die Dedikation seines Holocaustzyklus und möge dieser Zyklus den kommenden Generationen nur zum Positiven inspirieren.

Dr. Max Hamburger

Über “Holocaust” – Zyklus

Text von: Rafael Ramírez Máro

Der Psychiater und Auschwitzüberlebende Dr.Max Hamburger, der auf die ergreifendste Weise die Arbeit an meinem Holocaust-Zyklus inspiriert hat, wird trotz seines hohen Alters nicht müde immer wieder zu betonen, dass die jüngeren Generationen zwar nicht verantwortlich sind für den Holocaust, dass sie aber sehr wohl Verantwortung tragen, wie sie mit dieser schweren Vergangenheit umgehen.
Es bewegte mich sehr, als er mich mit meiner Arbeit an diesem Zyklus seinen “Bundesgenossen” nannte. Seinen Bundesgenossen im Weitertragen seiner Botschaft, dass der Tod nicht das letzte Wort habe. Sein erstaunliches Bekenntnis, dass er Gott in Auschwitz gefunden habe, was im krassen Widerspruch zu den Beteuerungen vieler Gottzweifler steht, die gerade den Holocaust als ein bestärkendes Argument für ihre Zweifel missbrauchen, wurde mir zum zentralen Thema meines Zyklus.
Dr. Max Hamburger meint, wenn man Gott in seinem Nächsten nicht sehen kann, dann kann man Gott nirgends sehen.

Was bedeutete die Botschaft von Max Hamburger für das Konzept dieses Zyklus?

Auswirkung

  1. auf die verwendete Technik
  2. auf die Wahl und Charakterisierung des Bildgenres

1.

Die barrocke Maltechnick des 17. Jh., die verglichen mit der Maltechnik anderer Jahrhunderte gerade in den Portraits das pulsierende Leben am kraftvollsten nacherleben lassen, wählte ich, um den in den Schwarzweiss-Archivfotos abgebildeten Menschen auf die intensivste Weise “Leben einzuhauchen” und sie somit wieder für den Betrachter der Bilder als “Personen”, als ein erlebbares ” Du” spürbar zu machen, indem das Göttliche lebt, von dem Dr. Max Hamburger spricht.
Als ich zum ersten Mal mit den schrecklichen Film- und Fotodokumenten konfrontiert wurde, spürte ich in mir eine Reaktion der emotionalen Blockade, ja sogar eine Reaktion des Abgestossenseins, welches mir eine empathische Annäherung mit den Opfern sehr schwierig machte. Diese meine Reaktion bestätigte mir die “2. Entmenschlichung”, die die Opfer nach der Entmenschlichung durch die Nazis, erleiden mussten, indem sie im Betrachter allein zu Dokumenten eines Verbrechens degradiert zu sein schienen. Mit dem Versuch Ihnen in dem Portraitcharakter der Bilder wieder ein “Gesicht” zu geben, indem Blut und menschliches Leben pulsiert, wollte ich vor allem dieser “2.Entmenschlichung” entgegenwirken.

2.

Die Wahl des Bildgenres traf auf die Gattung des christlichen Kreuzigungs- und Märtyrerbildes”, sowie die “Ecce Homo” Bilder.
Genauso wie bei diesen Bildergattungen sollte dem Betrachter eine Plattform geboten werden, auf der er sein natürliches Zurückschrecken vor den schrecklichen Fotos überwinden kann und sich wie dem Gekreuzigten, oder den Gemarterten, diesem menschlichen Drama auf eine “weiche und liebevolle” Weise nähern kann, ohne sich direkt mit der “abstossenden” Wirklichkeit der Fotos konfrontieren zu müssen.
Schon die Gattung des kirchlichen Formats des Triptychon, mit dessen beiden Aussenflügeln in Form von in “Liebe ausgebreiteten Armen” soll dem Betrachter diese Annäherung erleichtern. Ebenso die Verwendung des Goldes, was auch in den christlichen Bildern das “göttliche Licht” , welches direkt aus dem Bild reflektiert, soll den Betrachtern auch innerlich auf eine andere geistige Ebene versetzen, auf der er in einen spirituellen Dialog mit den abgebildeten Opfern treten kann.
Es ist also in keinem Moment von mir gewünscht das Schreckliche des Verbrechens in den Bildern auszudrücken, genausowenig wie dies nicht in den Märtyrerbildern oder der Kreuzigungsbildern vorrangig beabsichtigt ist, sondern es geht mir ausschliesslich um persönlichen Dialog und das Erlebbarmachen des Göttlichen, des Menschlichen in den Opfern des Holocaust, also das, was Max Hamburger in Auschwitz erlebte und was ihn für immer positiv geprägt hatte und was er auch der Nachwelt weitergeben wollte.